Donnerstag, 18. Oktober 2012
Arak
So. Letzte Station und ich muss Ihnen gleich sagen, dass Arak touristisch nun nicht wirklich viel zu bieten hat, aber wir waren bei Hamid eingeladen und da waren mir dann touristische Highlights auch egal.



Ich erzähle Ihnen nun daher nix aus dem Reiseführer, sondern stattdessen lieber Geschichten frei aus dem Leben und der Realität. Hamid ist der Cousin von Mo und ein richtig lustiger Kerl. Hamids Lieblingsspeise ist übrigens Schweinshaxe und eine Halbe Bier, alternativ Currywurst, aber beides kriegt er im Iran eher nicht.



Wir stellten ja irgendwann mal fest, dass Mo, Hamid und ich allesamt innerhalb von 5 Monaten geboren wurden und das ein saumäßig guter Jahrgang sein muss. Wir haben uns prächtig verstanden. Er betitelte mich irgendwann mit "bache poroo", aber ich finde, eigentlich ist er ein echter "bache poroo" und überlasse Sie nun damit Ihren Farsi-Kenntnissen. Das wurde zwischen uns dann mal zum running gag.



Arak kennt man nur von seinem Schwerwasserreaktor und dem Atomprogramm, im Iran gilt es als Industriestandort, aber es ist bei weitem nicht so unansehlich, wie die Iraner immer wieder sagen. Aber man muss ja erstmal da hin kommen und das war schon schwierig. Erstmal von Kashan nach Qom und von dort weiter nach Arak.



Sagen wir es mal so: Mir war das etwas suspekt, als wir in Kashan ins Auto stiegen und Mo fand es auch irgendwie seltsam. Weil nämlich sowohl Fahrer als auch Beifahrer sofort anfingen zu beten. Beim Beifahrer hätte ich das noch verstanden, angesichts der sonst üblichen Fahrweise dort, aber wenn schon der Fahrer betet, da geht's Ihnen dann echt nochmal anders. Echt.
Wir merkten dann, dass die Jungs entgegen ihrer Kleidung und ihres Auftretens ziemlich regimetreu waren. Etwas später machten wir uns dann verdächtig, weil sie erstens merkten, dass sie einen Ausländer an Bord haben und zweitens Mo nicht in der Lage war, mittels eines Nokia 3380 von vor 10 Jahren für den Beifahrer eine SMS auf Farsi abzutippen. Aber sie hatten zuviel mit dem Gerichtsvollzieher und Telefonaten mit selbigem zu tun, als sich uns widmen zu wollen.



So ein bißchen Realpolitik muss jetzt aber auch sein. Hamid beispielsweise ist Unternehmer und beliefert kleinere Läden mit Lebensmitteln. Großhandel kann man das kaum nennen mit seiner eher kleinen Halle von grob 20x10 Metern. Das große Geschäft machen ohnehin die Pasdaran, von denen er sich als Regimegegner gerne fern hielte, aber das gar nicht kann, weil alles über die Pasdaran läuft. Genehmigungen, Import, Handel undsoweiter. Die wirklich Großen sind die Pasdaran aka Religionswächter. Flugunternehmen, Hotelketten, Großindustrie: Alles Pasdaran. Wenn Sie etwa gerne Pistazien knabbern, ist die Wahrscheinlichkeit nicht eben klein, dass Sie Rafsandjani noch etwas reicher machen. Denen gehört jede große Firma. Alles staatlich kontrolliert. Auch die Banken. Hamid etwa würde gerne vergrößern. Eine größere Halle bauen. Dafür aber braucht er einen Kredit. Dafür aber verlangen sie 23% Zinsen und das, wo grade die Wirtschaft am Boden liegt, die Währung ohnehin ins Bodenlose rauscht, sie neuerdings Dollars nicht mehr tauschen dürfen und die Inflation ins Unermessliche steigt. Kurz: Es ist dort Notstand. Realität.



In die Realität katapultiert wurde ich dann übrigens auch gleich nach meiner Rückkehr nach Deutschland. Ich hätte nicht danach suchen sollen, aber ich habe es dann doch getan und grausiges gefunden: Am Sabalan Square in Teheran (in dessen Nähe Mo's Mutter wohnt), an dem ich noch am Samstag unterwegs war, wurde am Montag drauf eine öffentliche Hinrichtung vollzogen. Ich sag es Ihnen ganz ehrlich: Da kriegt man wirklich Beklemmungen.



Gerne reden sie nicht darüber, aber sie haben Angst. Vor einem Krieg. Sie sind nicht blöd und wissen die Zensur und all die Sperren zu umgehen und sich ausländischer Kanäle zu bedienen. Und sie studieren jede einzelne Nachricht intensiv und merken sehr genau, dass die Trommelei auf allen Seiten lauter wird. Kanadische Botschaft geschlossen, iranische Drohungen, israelische Rotlinien undsoweiter.



Was einem sofort auffällt: Die Fälscherei. Das iranische Regime fälscht alles, wirklich alles. Da fährt beispielsweise ein Zug ein auf dem ganz groß steht "Made in I.R.Iran". Wenn Sie aber einsteigen, sehen Sie überall serbische Plaketten und Aufschriften. Oder Fast-Food-Ketten. Selbst wenn es keinerlei diplomatische oder wirtschaftliche Beziehungen zwischen Iran und den USA gibt, können Sie problemlos bei McDonalds oder Kentucky Fried Chicken essen gehen.



Nun erzähle ich Ihnen noch über ein paar verbotene Sachen, die ich im Iran getan habe.

Ich habe nämlich verbotenerweise Alkohol getrunken. Jawohl, in den zwei Wochen dort habe ich mir ein einziges geschmuggeltes Bier gegönnt. Völlig konspirativ im Hotelzimmer. Selbst dieses aus der Türkei geschmuggelte Bier käme wohl kaum in den Iran, ohne Wissen und Billigung (und viel Schmiergeld) der Pasdaran. Das mit dem Bier kam so: Hamid, Mo und ich stehen im Aufzug von Hamids Haus und dann kommt ein Nachbar. Plauderei unter Iranern wie auch sonst üblich. Der Nachbar sagt, er hätte Bier im Keller und denkt dabei, dass wir -wie im Iran üblich- jetzt so etwa 10x sagen, dass wir das nicht wollen, um uns das dann doch unter Widerstand andrehen zu lassen. Aber da hat er die Rechnung ohne Mo gemacht. Der sagt sofort ja, geh holen, ganz entgegen iranischer Gepflogenheiten. Und dann saßen wir etwas später da und genossen wirklich ein eigentlich eher mittelmäßiges Bier niederländischer Provenienz.



Ja, und dann habe ich noch was ebenso verbotenes gemacht. Ich war mit Mo und Hamid Eis essen. Na gut, zwei Mädels waren auch dabei und das war das Problem. Das nämlich geht nicht. Man kann im Iran nicht mit Mädels im Auto sitzen -ohne ein Taxi zu sein-, die nicht mit einem verwandt oder verschwägert sind und die man einfach halt mal so kennt, wie man hierzulande eben Leute anderen Geschlechts einfach mal freundschaftlich so kennt, ohne gleich mit ihnen verwandt, verheiratet oder verschwägert zu sein oder dieses Verhältnis unmittelbar demnäxxt anstreben zu wollen.



Ist verboten.

Entsprechend konspirativ sind die Mädels eingestiegen, obwohl sie zwei der drei Insassen recht gut kannten. Mo sagte dann zwischendrin, dass wir für diese Aktion verhaftet werden können. Sonderlich hilfreich fand ich den Hinweis nicht. Eis essen. Taten wir dann ja tatsächlich, wobei der Ausländer während der Eisbeschaffung dann doch besser mit den Mädels im Auto sitzen sollte, weil das weniger auffällt, was aber auch nicht so recht klappte, weil sich Ausländer nie an Regeln halten und dann den Kindern vor Ort tatsächlich auffallen (die haben entgegen den Erwaxxenen scheint's einen Indikator).



Sie ahnen aber gar nicht, was da für eine Atmosphäre entsteht. Nennen wir es mal das "iranische Spiel". Weil nämlich alle Beteiligten wissen, dass dieses Spiel grade aber sowas von verboten ist, dann kommt es ja auch nicht drauf an, wie weit man geht und das ist verdammt weit. Sagen wir es so: Es kommt nicht zum äußersten, aber die Atmosphäre ist prickelnd. Flirterei, Anmache, Andeutungen. Es hat was vom ersten Date seines Lebens, damals in den 80ern. Als Ausländer wird man von den Mädels gleich noch offen angebaggert: "Schon mal nen Ausländer geküsst?" - "Nee, du?" - "Jetzt hätten wir die beste Gelegenheit".

Ausländerungeknutscht haben wir die Mädels genauso konsperativ wieder entlassen.

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