Donnerstag, 12. Februar 2009
Different ways
Im April 1919 stürmten Rotgardisten der Münchner Räterepublik die Apostolische Nuntiatur des Vatikan in München. Für den Nuntius, den man dabei bedroht hatte, ein prägendes Erlebnis. Er hieß Eugenio Pacelli und sollte später als Papst Pius XII besser bekannt werden. Man kann wohl unterstellen, dass die Zeit in München und dieses Erlebnis speziell auch mit zu seiner -späteren- Haltung als Papst gegenüber den Nazis beitrug.

Im Sommer 1968 stürmen Studenten die Aulen, die Audimäxe und die Hörsäle der Universitäten. In Berlin, in Frankfurt, in München. Und in Tübingen. Dort muss sich ein so entsetzter wie junger Dekan der katholisch-theologischen Fakultät dem Ansturm stellen. Sein Name ist Joseph Ratzinger und noch heute erzählen einige Soebenrentner davon, wie man den späteren Papst niedergepfiffen habe. Für Ratzinger ein Wendepunkt, wie er selbst, aber wie auch Hans Küng -damals Kollege, Freund und Initiator des Wechsels Ratzingers nach Tübingen, heute schärfster Kritiker der Kirche im Allgemeinen und Ratzingers im Besonderen- sagt.

Beide haben mit den protestierenden Studenten zu tun, Ratzinger als Dekan vermutlich mehr denn der "gemeine Prof." Küng, aber sie gehen grundverschieden damit um: Während Küng mit den Studenten debattiert und auf diese Weise versucht, die Situation zu beruhigen, zieht sich Ratzinger in sein persönliches Schneckenhaus zurück. Der eine (Küng) meinte, dasselbe Anliegen wie der andere gehabt zu haben, der andere (Ratzinger) fühlte sich vom einen diffamiert.

Der zuvor tendenziell eher weltoffene Theologe Ratzinger zieht sich nun zurück in die Welt von Augustinus und Bonaventura und damit in die scheinbar sichere Vergangenheit.

Der Beginn zweier völlig unterschiedlicher Karrieren in der katholischen Kirche (und für einen davon auch außerhalb davon) und der Beginn einer Entwicklung, die in zwei diametral unterschiedliche Richtungen läuft.

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Das sind wirklich sehr interessante Schnittpunkte
von Lebenslinien, die mir vor der Papstkür gar nicht bewusst/bekannt gewesen sind. Für mich hatte es in der Zeit, als ich anfing, mich kritisch mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen, so ausgesehen, als hätten Küng und Ratzinger seit jeher auf verschiedenen Seiten gestanden.

In gewisser Weise hatte die Kirche ein paar Jahre zuvor auch ihr internes 68 light, das 2. Vatikanische Konzil, was zwar kirchenintern nicht so tiefgreifende Strukturänderungen und Wertewandel mit sich brachte wie die Studentenrevolte in der weltlichen Gesellschaft, aber immerhin. So gesehen folgt es einer gewissen Logik, wenn Ratzinger jetzt versucht, die Vertreter der Traditionalisten wieder an Bord zu nehmen. Weiter vorwärts in die vermeintlich sichere Vergangenheit...

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Für die ganzen Piusbrüder mag das 2. Vatikanische Konzil wohl durchaus ein tiefeinschneidendes Erdbeben gewesen sein...

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über die gesellschaftspolitischen ereignisse 1968 wusste ich bescheid, doch von dem rollenspiel der beiden kirchenfürste hatte ich wirklich keine ahnung. danke für die geschichts-/religionsnachhilfe.

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Ein wenig erinnert Küng
mich immer wieder mal an diejenigen Aufklärer Frankreichs, die bei aller Kritik doch nie von ihrem lieben Gott loskamen. Nun, das will er sicherlich auch nicht. Er kritisiert ja in erster Linie die Kirche und nicht den da oben – wie seine Vorgänger zweihundertfünfzig Jahre zuvor. Aber das bringt auch Probleme mit sich, die nämlich, daß viele Menschen den Abfall vom institutionellen Katholizismus rigide nach hinten ausgerichteter Prägung mit dem von Glauben gleichsetzen. Und wenn dann noch Formulierungen hinzukommen wie «Dein Vater ist ein kluger Mann. Sag ihm, Atheismus tut auch gar nicht weh», also Kirchenaustritt gleich Atheismus, dann kann das aus dem Ruder laufen. Sicher, das war klar, Don Alphonso hat wie üblich gewitzelt. Aber es gibt genügend, die das für bare Münze nehmen. Und so bleibt mir der Eindruck, sehr viele hielten Hans Küng für einen, der dem katholischen Glauben entronnen ist.

Mir als Gottlosem war diese frühere Verbindung bekannt. Doch es ist durchaus sinnvoll, daß Sie mal auf die gemeinsame Vergangenheit der beiden Herren hingewiesen haben. Aber: Wieviele lesen's, denken darüber nach? Nicht, daß ich nicht an Ihre viele tausend Leser glaube. Aber dennoch: Gehört das nicht besser in eine Seite, die sich mit der Thematik beschäftigt? mark793 hat da doch neulich mal eine erwähnt, dieses Blog Religionsfreiheit. Aber wahrscheinlich guckt da auch wieder kein Schwein. Wohin also damit ...?

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Ich hab's gelesen und gerne darüber nachgedacht. Ich finde auch, dass dieser Beitrag hier ganz gut aufgehoben ist. Gewisses Wissen ist eben schmalbandig und nichts für die Massen, wohlklingend wie ein Sinus und nicht breiig wie rosa Rauschen.

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@stubenzweig: Bei Religionsfreiheit habe ich früher hin und wieder gelesen, mich aber seltenst selbst beteiligt. Wenn Sie möchten, dürfen Sie diesen Text dort aber sehr gerne einstellen und zur Diskussion frei stellen, hab ich überhaupt nichts dagegen...

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Ich könnte es auch machen,
hab da ja Admin-Rechte. Aber ich fürchte, da drüben ist die Luft ein bisschen raus. Hatte auch den Eindruck, dass die kritischen Tibet-Links in der Dunkelkammer mehr Breitenwirkung und Resonanz erzielen als drüben im Themenblog.

Ich finde den Beitrag hier ganz gut aufgehoben - eine interessante Facette mehr in dieser wohlsortierten Wundertüte.

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Den Ursprung schon,
aber als Dogma ist das doch erst Achtzehnhundertirgendwas festgeklopft worden, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Und aus Sicht eines Atheisten oder Taoisten sind Anglikaner und Katholen doch auch auch nicht soweit auseinander außer eben in der Frage nach dem Kirchenoberhaupt. Aber richtig beobachtet ist es schon, dass Küng nicht in Fundamentalopposition zur katholischen Kirche steht. Aber so eine Idee wie der von Küng proklamierte Welt-Ethos hätte nie auf dem Mist Roms wachsen können.

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