Montag, 28. Mai 2012
Die Angst der Schlange vorm Kaninchen
Interessieren Sie sich für Schach? Sehense, ich auch. Ich habe mir neulich sogar ein paar Partien per Livestream angeschaut. "Sogar" deshalb, weil das doch eine eher träge Veranstaltung ist, solange es nicht um Blitzschach geht. Es ist also nicht unbedingt Ping-Pong. Interessant kann aber dieses eher träge Warten auf den näxxten Zug auch deshalb sein, weil Schach weit mehr als reine Mathematik ist. Schach ist ebenso Psychologie. Schach ist woraus es entstanden ist: Krieg. Und damit eine sehr ernste Angelegenheit. Während so eines Schachspiels werden Freundschaften kurzzeitig unterbrochen. Mitunter sind alle Mittel recht:

Während Weltmeisterschaften gab es lange eine Trennplatte unter dem Tisch, damit sich die Gegner nicht treten konnten, Aljechin soll mit Katze zur Partie erschienen sein im Wissen, dass sein Gegner Katzen hasst, der militante Nichtraucher Nimzowitsch verlor eigenen Aussagen zufolge eine Partie nur deshalb, weil der Gegner ein Zigarrenkistchen mitbrachte und Kortschnoi fühlte sich gegen Karpow von dessen Sekundanten und dessen bösen Blicken verfolgt und erschien seinerseits mit Sonnenbrille und zwei indischen Gurus, was aber auch nicht half.

Nun spielen grade Anand und Gelfand gegeneinander und so ein bißchen ist es auch wie im Championseague-Finale. Anand der Favorit und auf dem Papier eigentlich stärker. Müde zog sich das Duell mit Remisen hin, ehe Gelfand dann nach langem Kampf in der 7. Partie gewinnen konnte. Was dann folgte, war sowas wie der Bayern-Moment für Gelfand. Und das gleich in der näxxten Partie und schon in Zug 14. Gelfand als Schwarz am Zug:



Schreit das nicht nach Df6? Mit Drohung den Bauern auf f3 wegzuhauen und gleichzeitig Schach zu bieten und den Turm zu kassieren? Er spielte tatsächlich den Zug. Ein grandioser Fehler, der ihn nur 3 Züge später aufgeben lassen wird. Anand nimmt das Pferd am Rand (bringt Kummer und Schand), lässt Gelfand ungerührt zuschlagen, geht aus dem Schach, lässt den Turm nehmen und nach Anands Df2 ist Gelfands Dame nicht mehr zu retten.



Womit wir wieder bei der Psychologie sind. Seit diesem Moment spielt der arme Gelfand wie Robben nach verschossenen Elfmetern. Zurückhaltend, unsicher, Bedenkzeiten ohne Ende. Neulich grübelte er mal 40 Minuten über einem Zug. Bei maximal zwei Stunden Bedenkzeit für die ersten 40 Züge durchaus enorm. Beim letzten Spiel erneut: Anand benötigte für seine ersten 10 Züge 4 Minuten, Gelfand eine ganze Stunde. Damit aber hat er sich immerhin in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen gerettet. Wie Bayern München.

   ... Spocht
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